Sehnsucht nach dem Meer
Ein Binnenland, das die Ferne liebt. Von der Fregatte Novara über Kaiserin Elisabeth bis zum Indischen Ozean.
~ 8 MIN LESEDAUER
Ein Binnenland und sein Fernweh.
Ein Land ohne Küste
Österreich hat keine Küste. Seit 1919 ist die Republik ein Binnenland, umgeben von Bergen, durchzogen von Flüssen, gesegnet mit Seen, aber ohne einen Meter offenes Meer. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum das Meer im österreichischen Gefühl so groß ist. Man sehnt sich am stärksten nach dem, was man nicht hat. Die deutsche Sprache hat ein Wort dafür, das keine Übersetzung braucht: Fernweh, der Schmerz, weit weg sein zu wollen.
Als Österreich noch eine Flotte hatte
Es gab eine Zeit, da hatte dieses Binnenland ein Meer. Die Habsburgermonarchie reichte bis an die Adria, mit den Häfen von Triest und Pola. Sie unterhielt eine Kriegsmarine und, was hier mehr zählt, eine Neugier auf die Welt jenseits des Horizonts. 1857 stach die Fregatte Novara in See, um als erstes österreichisches Schiff die Erde zu umrunden. An Bord waren nicht nur Matrosen, sondern Naturforscher. Sie sammelten Pflanzen, Tiere und Gesteine und brachten sie nach Wien, wo ein Teil bis heute im Naturhistorischen Museum liegt.
Die Novara durchquerte den Indischen Ozean und machte in Ceylon fest, dem heutigen Sri Lanka, sowie bei den Nikobaren. Die Seychellen lagen nicht auf ihrer Route, und wir werden nicht behaupten, sie hätte dort geankert. Aber die Fregatte steht für etwas, das älter ist als jede einzelne Reise: die österreichische Lust, das Ferne genau anzusehen und nicht nur davon zu träumen.
Was die Novara nach Wien brachte
Die Novara war keine Eroberungsfahrt, sondern eine Forschungsreise, und ihr wissenschaftlicher Ertrag war beträchtlich. Der Geologe Ferdinand von Hochstetter, der an Bord war, wurde später der erste Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien. Unter den mitgebrachten Pflanzen waren Blätter des Coca-Strauchs aus Südamerika. In Europa gelang es kurz darauf, aus diesen Blättern erstmals den reinen Wirkstoff zu gewinnen, ein Ereignis, das die Medizingeschichte prägte. Man muss diese Folge nicht gutheißen, um zu sehen, was sie zeigt. Eine kleine Seemacht aus der Mitte Europas griff nach der ganzen Welt und brachte sie ins Labor. Die Neugier war echt, und sie war österreichisch.

Eine Kaiserin, die das Meer suchte
Auch das Kaiserhaus selbst kannte diese Sehnsucht. Kaiserin Elisabeth, die man Sisi nennt, war rastlos und dem Binnenland früh entwachsen. Sie liebte das Mittelmeer, verbrachte Zeit auf Madeira und ließ sich auf Korfu einen Palast bauen, das Achilleion, mit dem Blick auf das offene Wasser. Sie war die berühmteste Reisende ihres Reiches, und ihre Ziele waren fast immer Inseln und Küsten. Man muss kein Habsburger sein, um das zu verstehen. Wer im Gebirge aufwächst, für den ist der erste Blick auf ein offenes Meer ein Ereignis.
Man sehnt sich am stärksten nach dem, was man nicht hat.
Eine Marine ohne Meer
Die Kriegsmarine der Monarchie war stolz und modern. Sie stellte Forscher, Polarfahrer und Admirale, und ihre Häfen an der Adria waren Fenster zur Welt. Als die Republik nach 1918 den Zugang zum Meer verlor, blieb die Erinnerung an diese maritime Vergangenheit in Museen, in Straßennamen, in Familiengeschichten. Wien hat ein Marineviertel ohne Meer. Das ist typisch für dieses Land. Die Sehnsucht überlebt den Verlust des Gegenstands. Vielleicht reisen deshalb bis heute so viele Österreicher ans Wasser, als müssten sie ein altes Versprechen einlösen.
Warum die Seychellen diese Sehnsucht beantworten
Die Seychellen sind das, was die österreichische Sehnsucht seit jeher sucht und selten findet. Ein Meer, das nicht überlaufen ist. Inseln, die nicht zubetoniert sind. Eine Stille, die den Bergen ähnlicher ist, als man denkt. Wer aus Wien, aus Graz, aus einem Tiroler Tal kommt und zum ersten Mal an der Anse Lazio oder der Anse Source d'Argent steht, erlebt keinen Kulturschock, sondern eine Erfüllung. Das Fernweh hat sein Ziel gefunden.

Die Adria war nah, der Ozean war fern
Für die Österreicher der Monarchie war das Mittelmeer der Sommer, die Adria die Badewanne des Reiches. Der offene Ozean aber, der Indische, der Pazifische, blieb das große Andere, erreichbar nur für die Fregatten und die wenigen, die mit ihnen fuhren. Heute hat sich das umgekehrt. Die Adria ist mit dem Auto in wenigen Stunden erreicht, fast zu nah, um noch Sehnsucht zu wecken. Der Indische Ozean dagegen ist geblieben, was er war, weit genug, um ein Ziel zu sein, das man sich verdient. Die Seychellen liegen genau dort, wo die Landkarte aufhört, ein Wochenendziel zu sein, und anfängt, ein Traum zu werden.
Vom See zum Ozean
Es gibt einen kleinen, wahren Trost für alle, die glauben, das Meer sei den Küstenländern vorbehalten. Österreich hat das Wasser nie verlernt. Die Seen des Salzkammerguts, der Neusiedler See, die Donau haben Generationen von Schwimmern, Seglern und Ruderern hervorgebracht. Wer am Wörthersee segeln kann, findet sich auf einem Katamaran vor Praslin schnell zurecht. Die Sehnsucht nach dem Meer ist in Österreich nie nur Theorie geblieben. Sie hat immer geübt, auf kleinerem Wasser, für den großen Tag am Ozean.
Was Leser oft fragen.
War die Fregatte Novara auf den Seychellen?
Nein. Sie durchquerte den Indischen Ozean und machte in Ceylon und bei den Nikobaren fest, nicht auf den Seychellen. Wir nennen sie als Sinnbild der österreichischen Entdeckungslust, nicht als historische Verbindung.
Hatte Österreich wirklich eine Marine?
Ja. Die Habsburgermonarchie unterhielt eine Kriegsmarine mit Häfen an der Adria, in Triest und Pola. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Republik ihren Zugang zum Meer.
Was hat Kaiserin Elisabeth mit den Seychellen zu tun?
Direkt nichts. Sie steht für die habsburgische Liebe zu Inseln und zum Meer, die sich auf Madeira und Korfu zeigte. Der Faden ist ein kultureller, kein historischer.
Ist das nicht alles nur Romantik?
Zum Teil ja. Aber die Reise selbst ist echt. Die Sehnsucht bringt Sie in rund vierzehn Stunden an einen Ort, der sie tatsächlich stillt.
Quellen & Hinweis zur Ehrlichkeit
- Novara-Expedition 1857 bis 1859, erste österreichische Weltumsegelung. Sammlungen im Naturhistorischen Museum Wien. https://www.nhm-wien.ac.at/
- Kaiserin Elisabeth und das Achilleion auf Korfu, öffentlich dokumentierte Reisebiografie. Hinweis: Der Text stellt kulturelle Bezüge her, keine belegte Reise nach den Seychellen.